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Erfahrungsbericht eines Drogenabhängigen


Es ist schwer, einen Anfang zu finden. Doch den ersten Schritt muss man tun, wenn man tausend Schritte machen will. 

Dieses Hindernis mit dem ersten Schritt zog sich durch meine ganze Kindheit und Jugend.

Als Kind habe ich schon sehr zurückhaltend gelebt, habe mich immer in den Schatten gestellt, in den Schatten meines Bruders (acht Jahre älter) oder anderer Vorbilder. Dadurch war ich der Ruhigere, der "Brave" in der Familie. Ich habe mir tausendmal überlegt, wie ich meine Eltern frage, ob ich hinausgehen darf; überhaupt, wie ich dieses oder jenes frage. 
Mein Bruder ist einfach gegangen, und ich habe mich nicht getraut. Ich wollte einfach nicht auffallen. Das ging so weit, dass ich versucht habe, so zu leben, dass meine Eltern mich überhaupt nicht bemerken, so zum Beispiel, dass ich gespielt habe, ohne Geräusche zu machen. Ich fühlte mich auch so von meinen Eltern behandelt, als ruhiger, braver Kerl, der nichts kann, nur brav und artig durch die Gegend träumt. 
Es war nur äußerlich, innerlich fühlte ich mich ganz anders. Als mein Bruder seine Lehre beendet hatte, wanderte er kurze Zeit später nach Afrika aus. Nun spürte ich, dass meine Eltern mich näher kennen lernten und akzeptierten. Ich versuchte zu der Zeit, etwas aus mir herauszukommen und auch andere Seiten von mir zu zeigen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich doch der Stolz meines Vaters war und kein Muttersöhnchen. Das wurde mir aber alles erst während der Therapie bewusst.

Ich hatte einen guten Freund in meinem Vater gefunden (mit 12 Jahren). Ich habe mich richtig an ihn geklammert. (Er hatte die gleiche Wesensart wie ich.) Er konnte mit Worten nicht ausdrücken, was sein Herz sagen wollte. Im Gegensatz zu meiner Mutter, sie konnte energisch sein und auch sehr oft Drohungen aussprechen und ebenso vollziehen. 
Zwei Jahre später, mein Vater war sehr krank, sagte er: "Den bringe ich noch in die Lehre, dann kann ich gehen". Das schaffte er gerade noch, im ersten Monat meiner Lehrzeit verstarb er. Da hatte ich das Gefühl, dass es mir lieber gewesen wäre, meine Mutter wäre gestorben, nicht mein Vater.

Ich habe meine Lehre in einer Firma begonnen, die einen schlechten Ruf hatte. Da es zu der Zeit aber sehr schwer war, eine Lehrstelle zu bekommen, entschieden sich meine Eltern für diese Firma. Es war eine Montagefirma, bei der die Gesellen meistens alkoholisiert waren. 
Der Alkohol ödete mich an, da ich dies von meinen Eltern her kannte. Sie haben beinahe jeden Abend angetrunken (betrunken) Fernsehen geschaut. Da mein Bruder ausgewandert war und mein Vater gestorben, hängte sich meine Mutter sehr stark an mich. Das ging so weit, dass ich Angst hatte, nach der Arbeit nach Hause zu gehen.

Meine Mutter sorgte sich sehr, mit wem ich Umgang pflegte. Dadurch hatte ich schließlich keine Freunde mehr. In der Firma galt ich als Schwächling, weil ich keinen Alkohol trank, und wurde deshalb oft gehänselt. Da ich niemanden hatte, dem ich mich anvertrauen konnte (meine Mutter hatte zu viele Sorgen/Ängste, und zu Bekannten hatte ich kein Vertrauen), zog ich mich innerlich immer mehr zurück. Ich fing an, laute Musik zu kaufen, die ich für mich schreien ließ. Nach einiger Zeit befriedigte mich die Musik nicht mehr. 
Durch einen Arbeitskollegen erfuhr ich, dass es im Stadtpark viele Menschen gibt, die diese Musik hören und auch machen. So ging ich eines Tages nach Feierabend mit diesem Kollegen (späteren langjährigen Freund) in den Stadtpark. Im Stadtpark trafen wir viele Leute, die uns alle freundlich grüßten und die meinen Freund gut kannten. Sie kamen auch alle auf mich zu, waren freundlich, eine Geste, die ich gar nicht kannte. Einer von ihnen lud meinen Freund und mich gleich zu einem "Snief" Heroin ein. 
Mein Freund lehnte ab (er hat immer nur Haschisch konsumiert), was ich nicht begriff, da er mir zuvor schon einiges über Drogen und ihre Wirkung erzählt hatte. Durch seine Erzählungen wurde ich neugierig. Er überließ mir die Entscheidung, und ich zog mit dem Typ los. Unterwegs erklärte mir der Typ den Unterschied zwischen "Sniefen" und "Drücken". Er meinte, ein "Snief "sei nicht wie Spritzen. 
Da ich ein Mensch mit dem Motto "ganz oder gar nicht" bin und der Typ mir seine Hilfe anbot, entschloss ich mich für die Spritze. Er half mir, den Schuss zu setzen, innerhalb von Sekunden spürte ich meinen ersten Kick, ich wurde innerlich ein anderer Mensch. Ich fühlte mich freier, das Geschwätz von anderen machte mir nichts mehr aus. Durch das Heroin schottete ich mich immer mehr von meiner Umgebung ab.

Dies war mein Einstieg in die Drogenszene, in der ich 17 Jahre lang lebte. Zu Beginn meiner "Drogenkarriere" hatte ich eigentlich nicht gespürt, dass ich abhängig bin. In den ersten Wochen kam ich mit ein bis zwei Schuss pro Woche aus, darum reichte auch mein Taschengeld (ein Schuss kostete damals 10,- DM). Durch die Droge wurde mir alles sch... egal, so dass ich mich im Betrieb plötzlich zur Wehr setzen konnte. 
Damals fing ich auch an, mit den Gesellen Alkohol zu trinken. Für mich war die Droge Heroin wichtiger als Alkohol. Nach einiger Zeit setzte ich mir jeden Tag einen Schuss. Da mein Geld nicht reichte, fing ich an zu stehlen. Ich habe mit den Gesellen Kupfer abgebrannt und verkauft. 

Unsere Firma hatte ein großes Lager, und so war es für mich ein leichtes, Elektromaterial zu stehlen und weiterzuverkaufen. Die Nachfrage war groß, weil viele ihr Häuschen bauen wollten. 
Ich wohnte an der holländischen Grenze, deshalb war es für mich einfach, in Holland größere Mengen Heroin einzukaufen, über die Grenze zu schmuggeln und in Deutschland weiterzuverkaufen (ca. vier Jahre lang). Dank dem (psychischen) Druck meiner Mutter schaffte ich es, meine Lehre zu beenden. (Meine Mutter hatte unheimliche Angst, dass ich aus dem sozialen Netz fallen könnte, entsprechend versuchte sie mich zu "bearbeiten".)

1975 begann meine Bundeswehrzeit. Dort wurde "der Bock zum Gärtner gemacht". Ich kam zu einer Sanitätseinheit, d.h., ich wurde zum Sanitäter ausgebildet. Durch die Sanitätslehrgänge musste ich häufig auf Krankenstationen arbeiten. Es war einfach, Tabletten oder Ampullen zu entwenden, da zu der Zeit die Giftschränke noch nicht abgeschlossen waren. In der näheren Umgebung der Kaserne gab es viele Drogenabhängige, die ich kennen lernte. Erneut begann ich zu dealen (10 Jahre). Während der Bundeswehrzeit lernte ich meine erste Frau kennen, ebenfalls drogenabhängig, deshalb bin ich in Norddeutschland geblieben. 
Die Arbeit in Ostfriesland war knapp, so dass ich auf Montage ging. Bei einer Auslands-Montagefirma, die größere Projekte in Florida, Finnland, Saudi-Arabien usw. hatte, begann ich meine Arbeit. Durch diese Tätigkeit kam ich nur alle sechs Monate für drei bis vier Wochen nach Hause. Mein Verdienst war so groß, dass ich nicht mehr dealen musste. Meine Drogen beschaffte ich in Holland, da sie dort billig waren. Nach fünf Jahren, 1984, ließen wir uns scheiden. Ich konnte durch diesen Schritt neu anfangen. 
Auch gab ich das Spritzen auf (und war ganz stolz darauf), sniefte aber weiterhin Heroin und Kokain. Ich verlagerte meinen Drogenkonsum auf Haschisch, LSD (alles, was betäuben konnte). Nun ging ich nicht mehr auf Auslandsmontage und wurde arbeitslos. In der Zeit habe ich schwarz gearbeitet und nach langer Zeit (ca. fünf Jahre) wieder Kontakt zu meiner Mutter aufgenommen. Sie geschaffte es, mich etwas aufzurichten. Ich fand wieder Arbeit, fing aber an, Schulden zu machen, um meine Drogen zu finanzieren. 

Kurz darauf starb meine Mutter, und ich verlor den Boden unter den Füßen. Es kam so weit, dass ich Sozialhilfe empfing, den billigsten Fusel trank und Brot wieder aus dem Mülleimer herausholte. Ich vereinsamte immer mehr. Es kam der Punkt, an dem ich mit jemandem reden musste.

Ich erinnerte mich, daran, dass es jemanden gibt, der alles für sich behalten muss und nichts weitersagen darf.

So ging ich in meiner Verzweiflung zum Pfarramt. Dem damaligen Vikar sagte ich: " Ich glaube an Gott, aber nicht an die Kirche!" Er ließ mich trotzdem eintreten. Ich erzählte ihm einen kleinen teil von meinem Problemen, er bot mir seine Hilfe an und lud mich als erstes zum nächsten Gottesdienst ein. Ich habe mich nicht so recht getraut, in die Kirche zu gehen, weil ich dachte: ‚ Da wird man ja so blöd angeglotzt und gemustert.' 

Aber mein seelischer Hunger war so groß, dass ich es schaffte, den Gottesdienst zu besuchen. Während des Gottesdienstes fiel mir wieder ein, wie es als Kind für mich war, mit meinen Eltern zur Kirche zu gehen. Auch alleine war ich oft in der Kirche. Da ich sehr verschlossen war, war das der Ort für mich, an dem ich meine Sorgen in Gedanken weitergeben konnte. Anschließend fühlte ich mich irgendwie richtig wohl.

Nach dem Gottesdienst wollte ich gleich abhauen, doch der Vikar lud mich noch zu sich nach Hause zum Mittagessen ein. Da fühlte ich eine innere Angst, aber auch eine Geborgenheit. Da gab es tatsächlich Menschen, die so einen kaputten Typen wie mich akzeptieren und achten. Von dieser Familie wurde ich sehr lange begleitet, und sie ließen mich immer spüren, dass ich zu ihnen gehöre. Sie gaben mir ein neues Zuhause (Leben). Ihr Christ - sein lebten sie mir vor, sie haben es mir nicht aufgezwungen; was ich annehmen wollte, konnte ich annehmen. 
Später lernte ich auch den Bekannten- und Freundeskreis der Familie kennen. Alle Bekannte waren so verständnisvoll, das wurde mir zum Teil so eng, dass ich einige Tage flüchten/ untertauchen musste. 

Einmal luden sie mich zu einer Wochenendfreizeit ein. Da lernte ich die Christusträgerbruderschaft CT kennen (eine Art evangelische Mönche). Bei ihnen fühlte ich mich wohl. Da ich ein Jahr auf meinen Therapieplatz (auf dem Ringgenhof) warten musste, boten sie mir an, diese Zeit bei ihnen zu wohnen. Das tat ich dann auch. Ca. zwei Wochen wohnte ich bei den CT und ca. eine Woche zu Hause in meiner Wohnung. Bei den CT brauchte ich keine Zigarette oder irgendeine Droge, aber kaum war ich zu Hause, habe ich mir den Kopf zugedröhnt mit allem, was ich kriegen konnte. In der Therapie stellte ich fest, warum das so war. Der Körper holt sich, was er braucht. Bei den CT habe ich mich wohl gefühlt. Es gab Gespräche, ich wurde gefordert und gebraucht....

Meinen ersten Kontakt mit der Bibel bekam ich bei Frau Mäschle im "Religionsunterricht für Erwachsene", in den ich vom Vikar eingeladen wurde. 
Da gab es ein Bodenbild- ein Brunnen und mehrere Eglifiguren, die zu einer Szene gestaltet waren. Frau Mäschle erzählte uns die Josefs - Geschichte, in der ich mich sehr stark wieder gefunden habe. Ich hielt es fast nicht mehr aus und beschloss: ´" da gehst du nicht mehr hin, die erzählen ja deine Geschichte".

Dann kam die Therapie-Zeit.
Durch die Drogenberatungsstelle bekam ich nun, nach einjähriger Wartezeit, einen Therapieplatz auf dem Ringgenhof. 
Der erste Tag auf dem Ringgenhof war für mich schwer, aber auch eine Erlösung. Ich musste lernen, Vertrauen zu haben und zu meiner Abhängigkeit zu stehen. Ich habe auf dem Ringgenhof gelernt, aufzustehen und nicht liegen zu bleiben. 
Das wichtigste für mich war, mich selbst kennen zu lernen, da ich mich immer vor mir selbst versteckt hatte. In der Gestaltungstherapie lernte ich, eigene Fähigkeiten zu entdecken, die ich dreißig Jahre lang unterdrückt hatte. Man gab mir Ton in die Hände, und ich habe mich in Gedanken dagegen gewehrt: 
' Was soll ich damit anfangen, ich kann doch nichts, ich hatte so etwas noch nie in der Hand'.
Nach 1 1/2 Stunden war es ein wunderschöner Elefant, und ich war stolz darauf. Zum ersten Mal habe ich bewusst mich selbst besiegt und dabei gewonnen. 
Das machte mir Mut, Teile in mir zu entdecken: und ich fand viele Teile in mir: Sport, Lesen, Menschen ansprechen, Menschen von mir erzählen, nein sagen können, Freude zeigen und Freude weitergeben. Sehr wichtig wurde die Natur für mich, die ich früher schon liebte. Es war wunderschön, einen Sonnenuntergang nüchtern zu betrachten. Früher habe ich einen LSD-Trip geworfen und gesagt: "Jetzt gehe ich mir den Sonnenuntergang anschauen". In der Therapie habe ich festgestellt, dass es ohne Drogen sehr viel schöner ist. Für mich wurde der geregelte Tagesablauf sehr wichtig. Den Tag zum Tag machen, etwas, das ich nicht kannte.
So verbrachte ich neun Monate auf dem Ringgenhof. Diese Zeit war für mich eine sehr große Starthilfe für mein neues Leben.

Nach der Therapie hatte ich noch ein großes Problem; neun Monate lang hatten wir in meinem Leben geforscht und vieles entdeckt und gefunden. In 30 - 33 Jahren kommt da schon allerhand zusammen. Aber wohin damit. Ich fing an zu beten und fragte Gott, was ich machen soll. Am Wochenende darauf lud mich jemand zu einem Gottesdienst in Essen ein. Es war ein großer Gottesdienst, ca. 2000 Menschen - und ich mitten drin. Der Pfarrer bot jedem an, nach vorne zu kommen und seine Last am Kreuz abzugeben. Ohne Worte, einfach so. Es fiel mir sehr schwer aufzustehen. In Gedanken hatte ich: ‚ 2000 Menschen glotzen dich an, und beobachten dich'. Ich fing an zu beten: "Herr, gib mir die Kraft, nach vorne zu gehen." Es dauerte noch eine Weile, doch dann wurde der Drang so groß, dass ich zum Kreuz ging, und alles was mich belastet hatte abgab und dabei weinte, wie ein kleines Kind. Es machte mir nichts aus, dass 2000 Menschen zusahen.

Ein halbes Jahr später bin ich nach Hausen gezogen. Dort fand ich einen Hauskreis, der mich gut aufnahm und mich auch verstand. Wir lasen gemeinsam Bibeltexte, und wir hatten vor allem auch eine gute Gemeinschaft. Jeder hat den anderen so akzeptiert, wie er ist. Das hat sehr dazu beigetragen, dass ich nicht rückfällig wurde. Ich hatte jederzeit einen Ansprechpartner, wenn ich Sorgen hatte. In diesem Hauskreis bin ich nun schon seit 1988, mit kurzer Unterbrechung. 

Anfang 1989 lernte ich in der Kirchengemeinde meine heutige Frau kennen. Über die Schwelle durfte ich sie tragen. Dafür trägt sie mich jetzt schon die ganze Zeit. Ich verdanke ihr ganz bestimmt meine jetzt (2005) 18-jährige Drogenfreiheit. Denn sie ist einen tollen, manchmal auch schweren Weg mit mir gegangen. Wir gingen zu Eheseminaren, um uns (mich) besser zu verstehen. Denn ich bin immer noch ein eher verschlossener Mensch. Und das "Schlupfloch der Liebe" zu finden, war (ist) ganz schön schwer. (Einfach Hochachtung und Danke Mausi).

Ich möchte Gott danken, dass er mir Susanne und später unsere 3 Kinder ( Immanuel geb. 1993, Johanna geb. 1996 und Judith geb. 2001) geschenkt hat.
Es ist sehr aufregend und immer spannend in unserer Familie.

Das war (ist) mein Weg......

Godehard



 


Drogen - Selbsthilfe Gruppe Heilbronn

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